Unsere Flucht 1945

Dieser Eintrag stammt von Frau Schölzel
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Es war im Januar 1945 als uns gesagt wurde, wir sollten für 14 Tage 20 km entfernt bei meiner Schwester bleiben. Mein Mann und mein Sohn waren beim Militär, und ich war mit meiner 12 Jahre alten Tochter allein.

In unserem Dorf waren die Flakgeschütze 50 m von unserem Haus entfernt aufgestellt, und über Breslau warfen die feindlichen Flieger bereits die ersten Bomben ab. Ich band ein paar Sachen auf den Schlitten, den ich an das Fahrrad hängte und fuhr los. Der Schnee war etwa 30 cm hoch. Meine Schwester nahm uns gerne auf. Nach weiteren 4 Wochen kam die Parole auf, dass alles geräumt werden musste. Mein Schwager war bei der Bahn beschäftigt und wollte uns Bescheid sagen, wann wir losfahren sollten. Er brachte meine Schwester und die Kinder zur Bahn, damit sie erst mal in Sicherheit waren. Ich blieb mit meiner Tochter und der Arbeitskollegin mit ihrer 27jährigen Tochter zurück. Doch nach 2 Tagen ging es um Minuten. Wir hatten das Nötigste zusammengepackt und warteten auf meinen Schwager, der nicht kam.

Darum schickten wir die Mädchen zum Bahnhof, um zu sehen, was los war. Sie wurden kurz vor dem Bahnhof zurückgehalten, weil ein Sprengkommando gerade den Bahnhof in Schutt und Asche legte. Der letzte Zug war bereits abgefahren, und mein Schwager hatte uns nicht Bescheid sagen können. Wir packten schnell ein paar Lebensmittel und Sachen, was auf dem Fahrrad Platz hatte, zusammen und machten uns auf den Weg. Hinter dem Dorf, wo wir zuletzt untergebracht waren, wurden wir schon von feindlichen Panzern beschossen. Zum Glück wurde niemand getroffen. Hinter dem nächsten Dorf Wirrwitz stand ein deutscher Panzer. Die Soldaten fragten uns, wo wir hin wollten, aber wir wussten es selbst nicht. Kurzentschlossen packten die Soldaten unsere Räder mitsamt dem Gepäck auf den Panzer. Ich setzte mich mit meiner Tochter Ruth obenauf, um die Räder festzuhalten. Die Kollegin und ihre Tochter gingen mit in den Turm.

Es war eine Fahrt mit Hindernissen. Der Panzer schwankte hin und her. Unterwegs trafen wir große Soldatenkolonnen. Alles war auf der Flucht. Es war ungefähr 8 Uhr abends und ziemlich kalt und finster. Der Panzer musste den Kolonnen ausweichen und fuhr ziemlich nahe am Straßengraben. Die Äste der Bäume schlugen uns ins Gesicht. Wir mussten uns festhalten, um nicht herunterzufallen. Endlich kamen wir zu einer großen Domäne, wo noch mehrere Panzer standen. Hier wollten wir im Stall übernachten, aber den Mädchen war es zu kalt. Außerdem standen noch junge Kühe dort. Wir hatten schon Stroh in den Gang gestreut… Der Panzerfahrer wollte uns helfen, ein neues Quartier zu finden, aber das Dorf war schon verlassen und alle Türen verschlossen.

An einem kleinen Haus war an der Tür ein Zettel angebracht mit dem Vermerk “Wir sind gleich wieder da!” Unser Begleiter schlug eine Scheibe ein und wir stiegen durch das Fenster. Die Bewohner hatten alles mitgenommen, es war nicht ein Scheit Holz zu finden. So mussten wir die Nacht frierend auf dem Fußboden verbringen. Am nächsten Morgen zogen wir weiter und kamen in ein Dorf, in dem noch ein paar Leute waren. Hier machten wir Pause und aßen etwas Brot. Ein Hund setzte sich zu uns und blickte uns halb verhungert mit seinen trüben Augen an. Ich teilte mein Brot mit ihm und auch die anderen gaben ihm etwas ab. Dann zogen wir weiter und der Hund mit uns.

Wir erreichten bald einen Bahnhof und warteten auf einen Zug. Endlich kam ein Güterzug, der schon mit vielen Flüchtlingen besetzt war. Durch Missverständnisse wegen des Gepäcks mussten wir den Zug fahren lassen. Zurück zum Bahnhof mussten wir diese Nacht auf den Bänken verbringen. Unser neuer Freund, der Hund, hielt Wache und knurrte, sobald sich jemand näherte. Am nächsten Morgen, ich glaube, es war ein Sonntag, kam ein Lazarettzug mit Verwundeten, der uns mitnahm. Leider mussten wir den Hund zurücklassen. Er lief uns nach, bis der Zug entschwand.

Doch nach zwei Stationen sollten wir schon wieder aussteigen. Eine Kleinbahn brachte uns dann bis Silberberg. Die Stadt lag mitten in den Bergen, so dass der Weg mit den beladenen Fahrrädern sehr mühevoll war. Müde und abgekämpft kamen wir dort an. In einem Gasthaus baten wir um Unterkunft. Der Wirt gab uns nur widerwillig ein leeres, kaltes Zimmer. Wir froren entsetzlich. Um uns etwas zu erwärmen, verbrannte ich meinen Pappkoffer, der sowieso schon auseinander fiel. Zum Glück fiel der Tochter meiner Arbeitskameradin ein, dass ein Jugendfreund von der Hitlerjugend hier wohnte. Sie fragte den Wirt nach der Adresse, und wieder hatten wir Glück: Frau Pauli, so hieß unsere Retterin, war mit ihren zwei jüngsten Kindern allein. Ihr Mann und der Sohn waren beim Militär, und sie war froh, dass sie nicht allein zu bleiben brauchte.

Wir bekamen ein schönes Zimmer und vor allem zwei herrliche Federbetten, wo wir unsere halb erfrorenen Glieder erst mal richtig aufwärmen konnten. Am nächsten Tag wollten wir weiterziehen – wohin, wussten wir natürlich nicht – aber Frau Pauli bot uns an, zu bleiben, was wir natürlich dankend annahmen. So blieben wir hier bis zum Kriegsende. Bis April waren wir von Fliegerangriffen unbehelligt. Sehen konnten wir aber, wie es in Breslau überall schon brannte, als eines Tages die SS in Silberberg eintraf und Panzersperren aufbaute. Nun war es auch mit unserer Ruhe vorbei. Am nächsten Tag waren die Russen schon unten im Tal. Da erreichte uns die Nachricht, dass der Krieg zu Ende sei. Die SS verließ fluchtartig die Stadt, nachdem sie die Panzersperren zerstört hatten. Ein SS-Unteroffizier bot uns an mitzufahren, was wir auch gerne getan hätten. Aber unsere Gastgeberin war beleidigt, und da wollten wir nicht undankbar sein und blieben. An Schlafen war natürlich nicht zu denken.

Am frühen Morgen waren die Russen in die Stadt eingedrungen. Die ersten kamen mit dem Gewehr auf uns zu und waren vor allem auf Schmuck scharf. Unsere Ringe waren wir auch gleich los. Die Mädchen hatten sich oben im Schlafzimmer eingeschlossen, aber die Vorhut der Russen hatte es nur auf Schmuck und die SS abgesehen. Uns war aber doch nicht ganz wohl zumute. Unsere Gastgeberin flüchtete mit ihren zwei Kindern in einen höher gelegenen Bauernhof. Ich brachte zwei Koffer mit unseren Sachen in den Kaninchenstall und versteckte sie dort. Anschließend folgte ich mit den beiden Mädchen und den Fahrrädern unserer Gastgeberin. Wir waren noch nicht lange dort, da kamen zwei russische Reiter angeritten und fragten nach der SS. Wir sagten, dass alle fort seien. Daraufhin ritten sie weiter in die Stadt.

Kurze Zeit darauf kamen wieder zwei mit Pferd und Wagen übers Feld. Sie brachten eine Büchse mit Leberwurst und einen Schinken, den sie vermutlich von einem Bauern aus dem Nachbardorf mitgenommen hatten. Sie verlangten Brot und Messer, und wir mussten uns zu ihnen an den Tisch setzen und mitessen. Sie musterten die Mädchen und sagten etwas zueinander. Ich mahnte die Mädchen zu verschwinden, was sie auch unauffällig taten. Daraufhin fuhren die Männer wieder davon. Wir waren unschlüssig, was wir tun sollten, da kamen schon wieder zwei Russen über den Berg. Ich nahm die zwei Mädchen und ging mit ihnen auf den Dachboden. Dort waren alte Schränke und Stroh. Hier versteckte ich die beiden hinter dem Strohballen.

Gerade wollte ich die Treppe runtergehen, da waren sie auch schon da und kamen gleich auf den Boden. Einer schrie mich auf Russisch an, was ich nicht verstand. Da zog er die Pistole, richtete sie auf mich und schrie “stoi!” Der andere sah in den Schränken nach und durchsuchte die Strohballen. Dabei entdeckte er das siebzehnjährige Mädchen meiner Arbeitskollegin. Nun war ich vergessen. Der die Pistole auf mich gerichtet hatte, sagte: “Komm her zu mir.” Erna, so hieß das Mädchen, ging steif wie eine Statue auf ihn zu, dann machte sie plötzlich kehrt und stürmte die Treppe hinunter. Der Russe hinterher. Meine Tochter kam vor Angst auch aus dem Versteck und wir gingen nach unten. Inzwischen war das Haus schon voller Russen. Ein Kommandant schimpfte noch mit dem Russen, der hinter dem Mädchen her war. Der war sehr wütend und stahl dafür eines unserer Fahrräder. Ich war entschlossen, nicht länger zu bleiben und machte mich mit den beiden Mädchen auf den Weg. Wir nahmen etwas Proviant mit. Weil die Laufgräben und der Wald nicht weit waren, konnten wir ungesehen dorthin kommen.