Flucht über das Haff

Dieser Eintrag stammt von Jacqueline Kayser (*1988)
Ergebnisse eines Interviews mit Anni (*1926)
Original Source (used under Fair Use Laws)

Anni, geboren im Jahre 1926, lebte zur Zeit der Machtergreifung Adolf Hitlers mit ihren Eltern und ihren Geschwistern auf einem Gutshof in der Nähe der Stadt Gumbinnen in Ostpreußen. Ihr Vater war dort als Gutsverwalter tätig. Gumbinnen war Bezirkshauptstadt und besaß damals rund 25.000 Einwohner.

Reich1940

Das Deutsche Reich 1940.
Rechts oben Ostpreußen mit dem Frischen Haff.

„Bis 1936 hat sich bei uns auf dem Lande nichts verändert“, erzählt Anni. „Auf dem Hof ging alles seinen Gang, von der fernen Politik des Deutschen Reichs, von den Nationalsozialisten bemerkten wir dort zunächst nichts.“

Doch dann erfasste die nationalsozialistische Gleichschaltung aller Lebensbereiche im Deutschen Reich auch die ländlichen Gegenden Ostpreußens. Erste Veränderungen konnte Anni als junges Schulmädchen feststellen: „Plötzlich wurde der Religionsunterricht abgeschafft. Stattdessen wurde das Fach Politische Schulung eingeführt, in dem wir in der nationalsozialistischen Lehre unterwiesen wurden. Eine Reihe von Lehrern veränderten sich – sie sprachen anders, verhielten sich anders. Ich nehme heute an, sie haben sich an die neue Ideologie angepasst oder waren von ihr angesteckt. Andere Lehrer – vermutlich die, die sich nicht zum Nationalsozialismus bekehren ließen – verschwanden und wurden durch linientreue Lehrer ersetzt.“

Zu einem gravierenden Einschnitt im Leben von Anni kam es 1936: Ein neues Gesetz wurde erlassen, nach dem jeder zehnjährige Junge in die Hitlerjugend, jedes zehnjährige Mädchen in den Bund Deutscher Mädchen (BDM) eintreten musste. „Eines Tages wurden wir alle aus dem Unterricht geholt und auf den Schulhof gebracht – wir hatten keine Ahnung, warum. Dort hielt ein Parteigenosse der NSDAP eine Ansprache, dann mussten wir alle einen Eid nachsprechen, und schon war ich, ohne dass ich recht wusste, wie mir geschah, Mitglied im BDM.“

GumbinnenvordemKrieg

Gumbinnen vor dem Krieg

Als zehnjähriges Mädchen wusste Anni natürlich nichts von der Politik der Nationalsozialisten und war zunächst ganz begeistert von dem neuen Freizeitangebot des BDM, das das ansonsten langweilige Dorfleben bereicherte: „Es gab zweimal die Woche Heimatnachmittage mit Sport, Spiel und Gesang. Das gefiel uns natürlich. Doch dann kam immer mehr Unterricht hinzu, in dem wir hauptsächlich von Hitlers Worten und Taten hörten. Als wir älter wurden, insbesondere nach Kriegsbeginn 1939, kamen soziale Einsätze in Krankenhäusern und Lazaretten hinzu, sowie Feldarbeit und Ernteeinsätze, da ja die Männer fast alle im Krieg waren.“

Kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs änderte sich das Leben von Anni und ihrer Familie: Ihr Vater wurde zur Heeresverwaltung nach Gumbinnen einberufen. Daraufhin zog die ganze Familie vom Gutshof in die Bezirkshauptstadt. „Als der Krieg dann ausbrach, wurden alle Kinder aus der Stadt evakuiert und auf das Land gebracht, aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Doch schon nach einer Woche durften wir wieder zurück nach Gumbinnen, zu unseren Familien.“

SitzGumbinnen

Sitz der Bezirksregierung in Gumbinnen.

In den nächsten vier Jahren war in Gumbinnen vom Krieg kaum etwas zu spüren – sieht man von durchfahrenden Truppentransporten ab. Alles schien seinen gewohnten, normalen Gang zu gehen. Anni beendete 1942 ihre Schulausbildung und begann eine Lehre in einer Bank. Ab jenem Jahr gab es auch hin und wieder Bombenalarm in Gumbinnen, erinnert sich Anni. Doch erst im Oktober 1944 erreichte der Schrecken des Krieges mit plötzlicher Wucht die ostpreußische Stadt.

„Wir hörten Gerüchte, dass die sowjetische Armee auf Gumbinnen vorrückte. Mein Vater sorgte dafür, dass meine Mutter und meine kleineren Geschwistern mit dem Zug zu Verwandten in Mecklenburg fuhren. Ich war bereits 19 Jahre alt und musste weiter in der Stadt arbeiten. Erwachsene durften ihre Arbeitsstellen bei Strafe nicht verlassen. Offiziell hieß es weiterhin: Keine Gefahr, die deutsche Armee siegt!“

Doch am 16. Oktober 1944 griff die sowjetische Luftwaffe Gumbinnen mit verheerender Wucht an. Fast die gesamte Innenstadt wurde dabei zerstört, die staatliche Ordnung brach zusammen und die Bevölkerung floh in Panik aus der Stadt.

„Zunächst versuchte ich, mit der Eisenbahn aus der Stadt zu entkommen“, erinnert sich Anni, „doch schon im nächsten Ort war Endstation. Wir erfuhren, dass unsere Region bereits von der Roten Armee eingekesselt war – als einziger offener Fluchtweg blieb uns das Meer.“

1944 war der Winter früh über Ostpreußen hereingebrochen. Es lag tiefer Schnee, das Frische Haff, eine große Bucht mit einem vorgelagerten Landstreifen, war zugefroren. Auf diesem Weg, über das zugefrorene Meer, zog nun ein langer Treck mit Zehntausenden von Flüchtlingen nach Westen.
“Ich hatte nur bei mir, was ich mit auf der Arbeitstelle gehabt hatte – ein Stück Brot und etwas Butterschmalz. Ein Bauer – auch er war auf der Flucht – nahm mich auf seinem Leiterwagen mit zur Küste. Dann zog ich zu Fuß mit dem großen Treck im Schneesturm bei minus 35 Grad über das Eis des Frischen Haffs.“

Unbeschreibliches spielte sich dort ab, an das Anni auch heute, 60 Jahre später, nicht gern zurückdenkt. „Immer wieder brachen die mit dem Hab und Gut der Flüchtlinge schwer beladenen Wagen im Eis ein – Menschen schrieen und ertranken in der eisigen Flut, niemand konnte ihnen helfen. Aber am schlimmsten waren die Angriffe aus der Luft: Immer wieder wurden wir von russischen Tieffliegern mit Maschinengewehren beschossen. Es gab keinen Schutz für uns – überall lagen Tote auf dem Eis, alte Menschen, Frauen, Kinder.“

Doch Anni hatte Glück. Es gelang ihr, die Frontlinie auf dem Eis zu umgehen. Zurück auf dem Festland konnte sie mit einem Schiff weiter bis Danzig fahren und so der größten Gefahr entkommen. „Aber auch von dort fuhren keine Züge mehr. Ein Militärfahrzeug nahm mich schließlich bis nach Stralsund mit. Unterwegs gab es immer wieder Fliegeralarm und wir mussten in Luftschutzkellern Schutz suchen.“

Die ganze Zeit über wusste Anni nichts über den Verbleib ihres Vaters. „In Stralsund traf ich endlich meine Mutter und meine Geschwister wieder – und erfuhr, dass auch mein Vater aus Ostpreußen entkommen war. Auch er war über das Haff geflüchtet, die ganze Zeit über nur wenige Kilometer von mir getrennt.“

Die Familie kam schließlich gemeinsam in ein Auffanglager für Flüchtlinge in Mecklenburg. Nach Kriegsende ging Anni nach Hamburg, auch ihre Eltern und einige ihrer Geschwister folgten später, noch vor dem Bau der Mauer, nach. Einige Geschwister jedoch blieben in Mecklenburg.

„Es ist ein fast unglaubliches Glück, dass weder einer meiner Eltern, noch einer meiner Geschwister im Krieg umgekommen ist. Doch wir haben im Krieg viele Freunde und Verwandte verloren – und fast unseren gesamten Familienbesitz. Und nach dem Krieg war unsere Familie noch für Jahrzehnte durch den Eisernen Vorhang zerrissen.“

Und die schrecklichen Erlebnisse während der Flucht über das Haff gehen ihr bis heute nicht aus dem Kopf. „Oft träume ich heute noch davon und höre die Schreie der Sterbenden. Krieg ist etwas Grauenhaftes – ich hoffe, dass ich so etwas nie wieder erleben muss.“