Flucht aus Ostpreußen- Nina Schrader

Eine deutsch-deutsche Familiengeschichte

Dieser Eintrag stammt von Nina Schrader (* 1982),
Wolfenbüttel .

Als im September 1945 die Russen von Osten immer näher an das Dorf Tilsit heranrückten, entschied sich auch die Familie der damals 15jährigen Hildegard, das Nötigste zusammenzupacken und die Flucht vor ihnen zu ergreifen. So machten sich Mutter, Vater und zwei von sieben Kindern, Hilde und ihre Schwester Gertrud, auf den langen und beschwerlichen Weg. Zwei Brüder, Franz und Kurt, waren dem Krieg zum Opfer gefallen. Die anderen bestritten die Flucht bereits eigenständig oder brachen schon früher mit eigenem Anhang auf. – Doch auch diese vier sollten bald getrennt werden!

Hildes Vater stieg in der Dunkelheit vom Wagen ab, um sich zu bewegen und ging auch hinter dem Wagen her, aber bei Einbruch der Morgendämmerung war er nicht mehr zu sehen. … Die drei Frauen ließen sich erst einmal in Leubtha in Sachsen nieder, wo die neun Jahre ältere Schwester Gertrud in dem nicht weit entfernten Adorf auch bald Arbeit fand. Sie kümmerte sich in einer dortigen Lungenheilstätte um die Kranken. Unter vielen anderen jungen Helfern entdeckte sie dort den etwas jüngeren, stattlichen, ehemaligen Seemann Alfred und kurze Zeit später stand für Gertrud fest: da wollte sie bleiben. Aber außer der Liebe bot das Leben in der sowjetischen Besatzungszone nicht viel; das Angebot von Brot und Kartoffeln war dürftig, Fleisch gab es nur selten. Um nicht zu verhungern, klauten sie Kartoffeln, das wiederum schürte jedoch Neid und Mißgunst. Schließlich verrieten Alfreds Mutter und seine Schwester, trotz ihrer Teilhaberschaft an dem Gestohlenen, die übrigen Familienmitglieder. Glücklicherweise fanden die herbei gerufenen Polizisten keine Lebensmittel mehr vor und so hatte diese Tat keine schweren Folgen. In der Folgezeit war die Atmosphäre in der Familie aber bedrückend zerrüttet.

Gertrud blieb mit ihrem Alfred zurück, Hildegard zog auf Grund der schlechten Lebensumstände (Typhus brach aus und es herrschte Hungersnot), 1946 mit ihrer Mutter in den Westen. Dieses Unterfangen gestaltete sich trotz Angehöriger in Westdeutschland sehr schwierig, da man nicht einfach, wenn es einem einfiel, aus- oder einreisen durfte, sondern Behörden durchlaufen mußte. Ein Zusatzantrag mußte gestellt werden und erst mit Erlaubnis konnte die geplante Reise angetreten werden.

Über Leipzig und Friedland, Kreiensen und Wolfenbüttel gelangten sie endlich in das nahegelegene Dorf Dettum, wo sie bei einem Bauern wohnten und arbeiteten. 1948 lernte auch Hilde ihren späteren Ehemann, den etwas jüngeren Willi, einen gebürtigen Dettumer, kennen und lieben. In Adorf hatte sich nun bereits zum zweiten Mal Nachwuchs angekündigt. Zu dem 1947 geborenen Buben Martin gesellte sich im Jahre 1948 ein Schwesterchen. Trotz stetem Mangel an allem wuchsen die Kinder heran und die Familie blieb in Adorf verankert. Alfred, als überzeugter Kommunist, ließ nichts über die Deutsche Demokratische Republik kommen.

Auch in Dettum hatte der Kindersegen nicht mehr lang auf sich warten lassen! Hilde brachte im Frühjahr 1953 ihre erste Tochter zur Welt; zwei weitere sollten in den nächsten sechs Jahren noch folgen. Hilde, das familienbedachte Nesthäkchen unter ihren Geschwistern, pflegte fleißig den Briefkontakt mit den in Norddeutschland verstreut, lebenden Angehörigen. Es blieb somit nicht verborgen, dass es besonders Gertrud und ihrer Familie an allen Ecken und Enden fehlte. In der DDR gab es Grundnahrungsmittel zu vergleichsweise niedrigen Preisen; die Wohnung war nicht mit Tapete ausgekleidet, zum Werkeln fehlten die Nägel und die Farbe, Kaffee war unerschwinglich teuer. Deshalb gab Hildegard von dem Wenigen, das sie besaß und packte ein Päckchen nach dem anderen.

Der inzwischen herangereifte Sohn Gertruds, Martin, fand nach seinem Dienst für die Volksarmee der DDR den Einstieg in seinen Lehrberuf, im Bereich Chemie, nicht mehr. Desillusioniert und frustriert ging er der Tätigkeit als Minenauskundschafter in dem umliegenden Gehölz nach. Bis er Mitte der 70er Jahre festentschlossen und ohne jegliche Art von Gepäck mitnehmend, die DDR verließ. Martin verabschiedete sich wie immer mit “Mach’s gut derweil!” von seinen nichtsahnenden Eltern und machte sich mit einem Freund auf. In einem Taxi fuhren sie zum Wald, gingen zu Fuß durch das verminte Gebiet und wurden in der DDR nicht mehr gesehen. Martins Eltern wurden, als bald der Staatssicherheitsdienst der DDR dahinterkam, zum Kreuzverhör “gebeten” …! Die Republikflucht ihres Jungen hatte ebenfalls Folgen für sie: Alfred war nun nicht länger Kreissekretär bei der Stasi, sondern arbeitete von diesem Zeitpunkt an im Lager einer Küchenproduktionsfirma. Die im Osten verbliebenen Verwandten wurden von der Stasi weiterhin beobachtet. Aber auch Martin lebte nur 6 – 7 Jahre glücklich in Nürnberg, danach konnte er weder an seinem Wohnort, noch Arbeitsplatz, noch anderswo angetroffen werden. Briefe kehrten mit dem Aufdruck “UNBEKANNT VERZOGEN” zurück. Obwohl die Familie mit Hilfe des Fernsehens und dem Roten Kreuz versucht hatte, Martin zu finden, ist er bis heute spurlos verschwunden. Auf den Verdacht hin, die Stasi habe mit seinem Verschwinden zu tun, sandte Alfred per Brief die Bitte für Aufklärung zu sorgen an den Adorfer Bürgermeister, erhielt jedoch nie Antwort! Alfred preist auch heute noch die ehemalige DDR und ist bekennender Vertreter des Kommunismus!