Die Flucht aus Ostpreußen- Lena Buck

Dieser Eintrag stammt von Lena Buck

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Ich habe Friedel H., die am 9. September in Ostpreußen geboren wurde, zu ihrer Flucht aus ihrem Heimatland befragt. Hier erzählt sie von ihren Erlebnissen:

“Ich arbeitete damals bei der Bahn. Es war 1945. Als ich eines Abends wie immer meinen Spätdienst antreten wollte, war an dem Bahnhof, an dem ich arbeitete, nichts mehr so, wie es mal war. Ich war geschockt. Schweine und Kühe rannten über die Gleise. In Panik geratene Menschen schrieen nach ihren Verwandten und überall, wo Tiere abgeschlachtet worden waren, sah man riesige, rote Blutflecken auf dem Bahnhofsboden. Es war schrecklich. Durch das Megaphon hörte dann auch ich die schreckliche Nachricht: “Die Russen kommen!”

Eigentlich wollte ich ja jetzt wie immer meinen Dienst antreten, doch der war mir in dem Moment völlig egal. Was ist mit meinen Eltern? Hatten sie die Nachricht schon erhalten? Ich lief in unser Dorf und dort traf ich unsere Nachbarn, die selbst gerade mit einem ihrer Pferdewagen zum Bahnhof aufbrechen wollten. Völlig in Panik schrie ich sie an, ob sie wüssten, was mit meiner Familie sei, denn ich hatte weder irgendwen, noch einen Zettel im Haus vorgefunden. “Beruhige dich. Deine Eltern sind schon gestern Abend zu Freunden nach Hamburg aufgebrochen. Sie konnten dich nicht erreichen, aber sie meinten zu uns, dass du schon wüsstest, wo sie sein könnten.” Mann, war ich erleichtert, als Frau G. mir diese positive Nachricht erzählte.

Natürlich wusste ich nun, wo sie sind, schließlich kannten wir nur eine Familie in Hamburg: Familie Schmidt, und die wohnte in Altona. Noch so in Gedanken, schoss es mir auf einmal wieder in den Kopf. Auch ich musste hier weg. Ich rannte ins Haus, nahm einen Koffer und packte die wichtigsten Sachen hinein. Auch etwas Brot und ein wenig Schinken war dabei. Ich warf noch meinen Mantel über meinen Arm und rannte, so schell ich konnte, zurück zum Bahnhof. Dort angekommen, fragte ich einen meiner Kollegen, wann der nächste Zug Richtung Hamburg fährt. “20.30 Uhr. Das ist dann aber auch der Letzte.” Ich stand dann über eine halbe Stunde am Bahnsteig und wartete auf den Zug. Neben mir standen noch viele andere Menschen. Die Zahl konnte ich absolut nicht schätzen.

Dann sah ich meine Kollegin, die völlig verwirrt am Bahnhof herumlief und ihre Eltern suchte. “Gisela, komm, wir müssen hier weg!” Sie konnte sich nicht entschließen mitzukommen. Was war mit ihren Eltern? Doch dann hörte sie die Geräusche der Russen und da wusste sie: Flucht ist die einzige Möglichkeit. Kurze Zeit später kam dann auch der Zug, und wir kletterten in den Güterwagen. Ich hatte zwar meinen Mantel an, doch trotzdem fror ich. Es war eine bitterkalte Nacht. Langsam fuhr der Zug los. Er war voll mit Menschen. Er brachte uns zu einem anderen Bahnhof. Dort stiegen wir in einen anderen Zug um. Ich fror und spürte meine Füße kaum noch.

Der Zug brachte uns zum nächsten Hafen an der Ostsee. Ich war völlig übermüdet. Am Hafen stiegen wir auf ein Schiff um. Auf dem Schiff gab es erst mal etwas Warmes zu essen und einen einigermaßen erholsamen Schlaf. Am Morgen kamen wir in Hamburg an. Ich war völlig geschockt. Ich war schon ein paar Mal mit meinen Eltern hier gewesen, um unsere Freunde zu besuchen, aber so hätte ich es nicht erwartet. Die Stadt lag völlig in Schutt und Asche. Ich fuhr zu meinen Eltern und alle waren wieder ein wenig glücklich. Ich hatte Glück. Ich konnte in Hamburg bleiben. Ich bekam eine Stelle bei der Bahn. Hier arbeitete ich dann noch bis 1952, bis ich meinen, jetzt schon verstorbenen, Mann kennen lernte und heiratete. Ich bekam einen Sohn und heute bin ich zweifache Oma. Die Flucht und den gesamten Krieg habe ich nie richtig verarbeitet und ich hoffe, dass nie wieder eine Generation einen Weltkrieg erleben muss.