Geschichte einer Flucht aus Heiligenwalde in Ostpreussen

Autor: www.heiligenwalde.de

25. Januar 1945

Heute musste meine Mutter mit mir und meinen 3 Brüdern das schöne Heiligenwalde verlassen. Mein Vater wurde in den letzten Kriegstagen noch zum Volkssturm eingezogen. Vorher hatte er mit seiner Landwirtschaft auch dafür Sorge tragen müssen, dass er in angemessenem Rahmen die Versorgung der Soldaten an der Front mit landwirtschaftlichen Lebensmitteln sicherstellte. Jetzt wussten wir nicht, wo mein Vater sich aufhält. Bereits seit Tagen wurde Heiligenwalde beschossen. Die Flucht war von uns längst vorbereitet, auch von anderen Bewohnern des Dorfes, denn ca. 2 Tage vor unserer Flucht waren bereits 2 Pferdegespanne mit einem Planwagen auf die Ausreise geschickt worden, von denen wir allerdings später nie wieder etwas gehört haben. Um ihr Leben zu retten, mussten die Kutscher wahrscheinlich Pferd und Wagen einfach stehen lassen. – Für die Bewohner Heiligenwaldes gab es vom Bürgermeister weiterhin striktes Ausreiseverbot. Dieser handelte nach den strengen Anweisungen des Gauleiters Koch und dem hatte sich niemand zu widersetzen. Gauleiter Koch hatte die politischen Interessen Ostpreußens wahrzunnehmen und hatte bis zuletzt mit allen Mitteln versucht, die Flucht zu verhindern. Hätte er den Befehl zur Flucht rechtzeitig erlassen, wären viele Menschenleben gerettet worden. – Als der Beschuß sich immer weiter näherte und immer lauter wurde, ging plötzlich alles ganz schnell. Mit dem Pferdefuhrwerk ging es zu dem ca. 1,5 km von Heiligenwalde entfernt liegenden Bahnhof nach Hohenrade. Von dort aus wollte meine Mutter mit uns weiter mit dem Zug nach Königsberg fahren. Außer einer Handtasche und meiner Lieblingspuppe konnten wir keine anderen Sachen mitnehmen. Keiner ahnte, dass es eine Fahrt ohne Rückkehr wird. Auf dem Weg zum Bahnhof Hohenrade, kam uns ein deutsches Militärfahrzeug entgegen. Die darin sitzenden Soldaten erkundigten sich nach unserer Herkunft. Sie waren schockiert als sie erfuhren, dass die Einwohner des Ortes trotz Beschuß noch alle in ihren Häusern verweilten. Sie fuhren dann sofort nach Heiligenwalde und ordneten die sofortige Räumung des Ortes an. – Wir selbst mussten das Pferdefuhrwerk nach kurzer Weiterfahrt verlassen, da ein Weiterkommen auf der Straße wegen der Militärbewegungen und Flüchtlingsströme unmöglich geworden war. So setzten wir unseren Weg zum Bahnhof zu Fuß fort. Ständig standen wir unter Beschuß und mussten dann unter Todesangst erfahren, dass der Zugverkehr bereits eingestellt worden war. Folgedessen war eine Weiterfahrt nach Königsberg mit dem Zug unmöglich. Menschen über Menschen suchten einen schier unmöglichen Ausweg aus diesem Chaos, hinzu kam die Eiseskälte. In diesem Durcheinander suchte meine Mutter nach einer Möglichkeit, uns irgendwie nach Königsberg zu bringen, dort wohnten Verwandte von uns. Wir 4 Kinder mussten ihr versprechen, genau an diesem Ort, an dem wir jetzt standen, auf sie zu warten. Uns wurde eingeschärft, keinen Schritt weiter zu gehen, ansonsten würde sie uns nicht wiederfinden. Meine Mutter musste diesen Versuch alleine unternehmen, da ein Durchkommen mit 4 Kindern wegen der Menschenmassen äußerst zeitraubend gewesen wäre. Sie wollte uns ersparen, eine ganze Nacht in Eiseskälte und unter Beschuß auf der Straße auszuharren, es hätte vielleicht schon den Tod bedeutet. So ging sie schweren Herzens von uns und kam nach einer längeren Wartezeit zu uns zurück. Zwischenzeitlich hatte sie dann tatsächlich ein Militärfahrzeug gefunden, das uns nach Königsberg mitnehmen wollte. Wir durften dort auf der Ladefläche dieses Militärlastkraftwagens Platz nehmen. Mit uns waren noch weitere Flüchtlinge auf dem Lkw. Es wurde eine sehr schwierige Fahrt, da der Lkw infolge der verstopften Straßen immer wieder Umwege fahren musste. In Königsberg kamen wir dann für eine Nacht bei Verwandten unter. In genau dieser Nacht erfolgten mehrere Bombenangriffe auf Königsberg, laufend hörten wir die Luftschutzsirenen heulen, so dass wir mehrmals den Luftschutzkeller aufsuchen mussten. Als Kind war man sich der Gefahr, in der man sich befand, gar nicht bewusst.

Zu aller Anspannung und Tragik kam noch hinzu, dass unsere Großmutter – die Mutter meines Vaters – aus Altersgründen nicht mit uns flüchten wollte. Sie wohnte mit in unserem Haus. Die ostpreußische Heimat, die Landwirtschaft,Haus, Hof und Tiere lagen ihr sehr am Herzen und sie wollte auf keinen Fall das alles im Stich lassen. Sie wollte immer nach dem Rechten sehen und dafür Sorge tragen, dass alles erhalten bleibt bis zu unserer Rückkehr. So war sie davon überzeugt, dass wir uns in nicht allzu langer Zeit wiedersehen. Folgedessen mussten wir dann Heiligenwalde ohne sie verlassen. Sie blieb in meinem Elternhaus alleine zurück. – Abends während der Bombenangriffe in Königsberg mussten wir immer an sie denken: was passiert mit ihr, wie versorgt sie sich? (lesen sie hierzu auch “Die Nachricht”)

26. Januar 1945

Nach einer Nacht mit wenig Schlaf, ging die Reise heute ohne wirkliches Ziel weiter. Frühmorgens hatte meine Mutter für uns Fahrkarten besorgt, so dass wir mit der Bahn (Samlandbahn) nach Pillau reisen konnten. Wir hatten das große Glück, dass an diesem Tag tatsächlich noch ein Zug fuhr. Es war ein Winter in dieser Zeit, wie ihn auch Ostpreußen selten erlebt hatte. Die Temperaturen waren weit unter 20 Grad minus, es lag hoher Schnee, der Wind war eisig und noch dazu schneite es. Nach einer nicht endend wollenden Fahrt mit dem Zug, sahen wir in Pillau wiederum ein schier endloses Menschenmeer an der Pier stehen. Sie alle warteten auf ein Schiff und hofften auf die Ausreise. Trotz dieser extremen Situation kam man nur dann auf ein Schiff, wenn man entsprechende Schiffskarten vorweisen konnte. So musste meine Mutter wiederum diese organisieren gehen, was zum damaligen Zeitpunkt mit vielen Schwierigkeiten verbunden war. Dennoch gelang es uns auch nach stundenlangem Warten in bitterer Kälte nicht, am gleichen Tag auf ein Schiff zu gelangen. Wir hatten Hunger und froren und Leib und Seele. Uns blieb nichts anderes übrig, als in Pillau noch einmal zu übernachten. Uns wurde ein Gebäude, das direkt am Hafen lag, als Schlafmöglichkeit zugewiesen. Hier haben wir dann auf einer Strohunterlage mit vielen, vielen anderen Flüchtlingen übernachtet. Wir hatten wenigstens ein Dach über dem Kopf.

27. Januar 1945

In den heutigen Abendstunden ergab sich dann endlich die Möglichkeit, mit einem Truppentransportschiff namens „Essberger“ auszureisen. Mit diesem Schiff waren Soldaten in Pillau angekommen, die noch an die Front geschickt worden sind. Die Umstände an Bord waren katastrophal. Wir lagen dichtgedrängt auf strohbedeckten langgezogenen Holzpritschen, die nur durch einen engen Mittelweg voneinander getrennt waren. Die sanitären Anlagen waren z.T überschwemmt, das Oberdeck war vereist. Trotzdem waren wir froh, erst einmal dem Grauen zu entrinnen und dankbar dafür, dass wir hier etwas zu essen bekamen. Die Gefahr allerdings war noch längst nicht vorbei. Die Fahrt mit dem Schiff auf der Ostsee war wegen des feindlichen Torpedobeschusses äußerst gefährlich. Auch die „Essberger“, mit der wir fuhren, musste auf See einen Stop einlegen. Vor uns soll bei nächtlicher Dunkelheit durch U-Boot-Beschuß ein Schiff untergegangen sein , so sagte man damals. Uns blieb dieses Schicksal glücklicherweise erspart. Unsere Fahrt endete in Swinemünde. Dort fanden wir erst einmal Unterschlupf in einem öffentlichen Gebäude (Schule ?) Die Strapazen waren uns bereits anzusehen. Bei all dem Trubel und dem Menschengewühl war plötzlich mein ältester Bruder – damals 14 Jahre alt – abhanden gekommen. Meine Mutter war verzweifelt. Nachdem sie uns sicher untergebracht hatte, begab sie sich auf die Suche nach meinem Bruder. Er hatte inzwischen auch eine Bleibe gefunden und hatte dort voller Angst, seine Familie nicht wieder zu finden, eine Suchnachricht an die hölzerne Außentür geheftet. So war es wiederum einem Glückszufall zu verdanken, dass meine Mutter meinen Bruder trotz des chaotischen Durcheinanders in ihre Arme schließen durfte. Glücklich waren wir dann wieder beisammen. In Swinemünde mussten wir noch ein paar Tage ausharren, irgendwann sollte es noch einmal weitergehen.

Auch hier war man keineswegs vor Luftangriffen sicher, die Angst war stets bei uns. Nach einigen Tagen der Ungewissheit stand fest, dass für uns eine Weiterreise nach Bäbelin bei Neukloster vorgesehen war.

Die weiteren Wochen und Monate

Von Swinemünde sollte es dann nach einigen Tagen der Ungewissheit weitergehen. Uns wurde gesagt, dass wir nun nach Bäbelin bei Neukloster in Mecklenburg transportiert werden.

Bäbelin ist ein kleiner Ort, etwa so groß wie Heiligenwalde. Er liegt 9 km von Neukloster entfernt. Bis dahin hatten wir diesen Namen noch nie gehört. Mittlerweile waren wir auch schon so abgestumpft, so dass uns vieles egal war. Die Hauptsache lag darin, dass wir mit heiler Haut aus diesem Schlamassel herauskommen.

Es muß etwa Mitte März gewesen sein, als wir in Bäbelin ankamen. In diesem Ort allerdings bestand keine Möglichkeit, eine Unterkunft für uns zu finden. So mussten wir in den etwa 2 km von Bäbelin entfernt liegenden Ort Teplitz gebracht werden. Nach den vielen Strapazen waren wir froh, endlich eine Bleibe gefunden zu haben. Wir waren im Haus eines größeren Bauern (Gutsbesitzer ?) untergekommen. Von diesen „Herrschaften“ – im wahrsten Sinne des Wortes – wurden wir allerdings menschenunwürdig und höchst beleidigend behandelt. Zum ersten Mal mussten wir erfahren was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Es hatte den Anschein, als seien wir Aussätzige, so wurden wir dann auch behandelt. Man gab uns zu verstehen, dass wir unerwünscht seien. Wörtlich: „ Was wollt ihr hier überhaupt, warum seid ihr nicht zuhause geblieben, dort hattet ihr doch angeblich alles. Also selber schuld, wenn es euch heute schlecht geht.“- Wie menschenverachtend, denn nur all zu gern wären wir in unserer so geliebten Heimat geblieben. – Meine Mutter war außer sich. All die Jahre davor hatte sie ihren „Mann“ stehen müssen und war auch immer um Andere besorgt. Jetzt ist man hier ein Bettler, der noch nicht einmal geduldet wird. Aber ein Mensch, der immer im warmen saß und nicht hungern musste, kann sich eben nicht in so ein Elend versetzen. Da meine Mutter befürchtete, dass die gesamte Familie diese Demütigungen und auch das überaus schlechte und wenige Essen nicht länger verkraften würde, ging sie zum Bürgermeister und schilderte unsere Situation. Dieser bemühte sich um eine bessere Bleibe für uns und fand sie in Bäbelin in einem Mehrfamilienhaus. Dort wurde uns ein ca. 15 qm großes Zimmer zugewiesen. Hier war es zwar etwas eng für 5 Personen, aber wir waren ja schon sehr bescheiden geworden. In diesem Raum wurde geschlafen, gewaschen, gekocht und gegessen, also sämtliche Dinge des täglichen Lebens. Meine Mutter freute sich, dass wir nun endlich Selbstversorger geworden sind und nicht auf Gedeih und Verderb Anderen ausgeliefert waren. Aber das Hungern ging vorerst weiter. Es gab nichts in dieser Zeit. Meine Mutter hatte zwar genug „Reichsmark“ von zuhause mitgenommen, aber auch das half uns nicht weiter. Um zu überleben, wurde „organisiert“. Wir haben bei den Bauern in der Landwirtschaft geholfen und bekamen dafür ab und zu ein warmes Abendessen, oder häufig 1 – 2 l Vollmilch . Daraus zauberte meine Mutter eine wunderbare Mehlsuppe und wir fühlten uns so, als würden wir das beste Menue essen. Dabei haben wir sogar ein wenig unsere missliche Lage vergessen. Eine richtig schöne heiße Suppe, wann hatten wir die zuletzt gegessen? – Damit der Herd beheizt werden konnte, hatten meine Brüder aus dem nahegelegenen kleinen Wäldchen Holz und Buschwerk geholt. – Von der Vollmilch wurde grundsätzlich die Sahne abgeschöpft, um dann zu gegebener Zeit Butter daraus zu machen. Meine Mutter kochte regelmäßig aus Zuckerrüben Sirup, der so gut schmeckte, als hätten wir nie etwas Besseres gegessen. Die Zeit des Trockenbrotessens war nun vorbei. Langsam ging es uns etwas besser, auch mit den Dorfbewohnern hatten wir uns etwas angefreundet. Aber diese Zeit hat mich sehr geprägt, hier habe ich fürs Leben viel gelernt

Doch dann kam der 8. Mai 1945 – der Krieg war zu Ende –. Für mich als Achtjährige war es gar nicht zu fassen, dass die Leute, die hier in Mecklenburg wohnten, nicht zu flüchten brauchten. Immer und immer wieder habe ich meine Mutter gefragt, wieso wir von zuhause wegmussten und hier kann jeder in seinen
4 Wänden wohnen bleiben. Für mich war das nur schwer nachvollziehbar. – Nun aber drangen die Russen auch in den kleinen Ort Bäbelin ein. Plötzlich hatte hier jeder Angst. Ich hör immer noch die Worte: „Uhri, Uhri“. Jeder, der eine Armbanduhr besaß, musste diese abgeben oder sie wurde ihm weggenommen. Es herrschte ein richtiger Belagerungszustand, wir waren eingeschüchtert. Die Frauen versteckten sich in dem nahegelegenen Wäldchen und trotzdem wurden einige gefunden. Andere wurden von den Russen mitgenommen und sind nie wiedergekommen. Das Schreien dieser Frauen höre ich heute noch. Es war grausam. Das ging wochenlang allabendlich so weiter. Meine Mutter hatte sich ihr Gesicht mit Ruß etwas geschwärzt, ein Kopftuch umgebunden und ihre 4 Kinder um sich geschart. Ihr ist vieles erspart geblieben. Allerdings haben wir viele angsteinflößende Sachen erlebt, über die ich hier gar nicht näher eingehen möchte. Irgendwann aber wurde alles weniger und hörte schließlich ganz auf, so dass wir zum fast normalen Leben übergehen konnten. Zwischenzeitlich hatte uns die Eigentümerin des Hauses, eine sehr nette und freundliche Frau, eines ihrer Zimmer freiwillig zur Verfügung gestellt. Es hat ihr so leid getan, dass wir auf engstem Raum eingepfercht leben mussten. Auch das hat es gegeben und wir waren dankbar.

Dann kam der nächste Schicksalsschlag. Mein älterer Bruder, damals fast 16 Jahre alt, erkrankte Anfang August 1945 an Diphtherie, wie viele in dieser Zeit. Er wurde nach Neukloster in das Krankenhaus gebracht. Dieses Krankenhaus war zum damaligen Zeitpunkt völlig überfüllt, der Impfstoff war bereits verbraucht. Zu allem Überfluß erkrankte ein paar Tage später auch mein jüngerer Bruder an Diphtherie , damals 6 Jahre alt. Er wurde in dasselbe Krankenhaus eingeliefert. Da es keine leeren Betten mehr gab, wurde er aus Platzmangel an das Fußende des Bettes meines älteren erkrankten Bruders gelegt. Meine Mutter ging nun täglich 9 km von Bäbelin nach Neukloster ins Krankenhaus, um ihre Kinder zu besuchen. Sie war völlig erschöpft und auch nervlich am Ende. Am 7. August 1945 verstarb mein ältester Bruder. Das geschah unter den Augen meines jüngeren Bruders, der immer noch im selben Bett lag. – Für meine Mutter brach eine Welt zusammen. Ich erinnere mich heute noch daran, als sie damals aus lauter Verzweiflung sagte: „Dass man mir Haus und Hof genommen hat, kann ich noch verschmerzen, dass ich nun auch noch meinen Sohn hergeben muß, verschmerze ich nie. Wenn es einen Gott im Himmel gibt, warum hat er das zugelassen.“ Ihre Worte gingen mir damals als Kind sehr zu Herzen. Die Trauer meiner Mutter war unsagbar groß. – Der jüngere Bruder hat die Krankheit unbeschadet überstanden.

Es gab aber dennoch glückliche Momente in unserem Leben: Eines Tages fuhren meine Mutter und ich mit dem Milchwagen von Bäbelin nach Neukloster, um an das Grab meines Bruders zu gehen. Uns entgegen kam langsamen Schrittes auf der Straße eine Person entgegen. Meine Mutter sagte zu mir: „sieh mal, da kommt wieder ein Landser, hoffentlich findet er seine Angehörigen.“ Als wir nun fast auf gleicher Höhe waren, rief sie: „das ist ja Bruno, mein Mann, halten sie an.“ Das Fuhrwerk stoppte und meine Mutter sprang vom Milchwagen hinunter. Sie schloß ihren Mann, meinen Vater, in die Arme und beide weinten vor Freude. Mein Vater war in den letzten Kriegstagen noch in Gefangenschaft geraten und hatte dann nach Beendigung des Krieges über das Deutsche Rote Kreuz erfahren, dass seine Familie sich in Bäbelin/Mecklenburg aufhält. Kaum bei uns angekommen, erkrankte er ebenfalls an Diphtherie, überstand das aber komplikationslos.

Meine Mutter hatte zwischenzeitlich – wahrscheinlich ebenfalls durch das Deutsche Rote Kreuz – in Erfahrung gebracht, dass der größte Teil der Verwandtschaft sich in Schleswig – Holstein befindet. Sie hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass wir von Mecklenburg nach Schleswig – Holstein umsiedeln konnten. Das geschah dann auch im Jahre 1946.

Auch hier gab es anfangs Probleme, als Flüchtling seinen Weg zu finden. Um überleben zu können, musste sich die ganze Familie einsetzen. Es wurden Maiglöckchen gepflückt, zu Sträußen gebunden und auf dem Markt verkauft, desgleichen sammelten wir Pilze, um diese ebenfalls auf dem Markt zu verkaufen oder gegen Lebensmittel einzutauschen. Für den Eigenbedarf haben wir Kartoffeln „gestoppelt“ und nach der Ernte Ähren gesammelt. Die Ähren wurden in einen Sack gestopft und mit einem Stock ausgedroschen, um Mehl daraus mahlen zu lassen. Außerdem mussten auch wir Kinder im Torfmoor mitarbeiten. Viele, viele Tränen sind dabei geflossen, da die Arbeit im Torfmoor nicht so einfach war. Oft bluteten beim „Torfringeln“ unsere Fingerkuppen, diese mussten dann mit zugeschnittenen Fahrradschläuchen, die wir über 2 Finger zogen, geschützt werden. Der Torf war meistens trocken und mit scharfen Spitzen versehen, Handschuhe waren schnell kaputt. Andere einheimische Kinder durften ihre Ferien genießen und spielen, wir aber mussten, wo es nur irgend möglich war, mit Hand anlegen. Um des Überlebens Willen haben wir das getan, wenn auch nicht immer gern, muß ich gestehen. Es war eine harte Zeit, aber es ging langsam aufwärts. Diese Zeit hat mich für’s Leben geprägt, wie aber sind meine Eltern damit fertig geworden? Diese an Grausamkeiten nicht zu übertreffende Flucht musste von ihnen selbst verarbeitet werden.

Hut ab vor der Generation des Wiederaufbaus.

Bodo Harfert
Emscherhüttenstr.29
47119 Duisburg
NRW
Deutschland
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