Die letzten Tage – Januar und Februar 1945

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Die Reportage:

Der folgende Bericht beruht auf Datenunterlagen des letzten Oberbürgermeisters der Stadt Elbing Dr. Fritz Leser (in einigen Dukomentationen auch Dr. Hans Leeser genannt); Oberst a.D. Schöpfer dem letzten Kommandanten von Elbing und von Oberleutnant Curth Günther. Die Aufnahmen stammen aus russischen Wochenschauen.

Ende August- Anfang September 1944 fanden in Danzig erstmals offizielle Verhandlungen über Räumungsvorbereitungen statt, zu der die Landräte und Oberbürgermeister des Reichsgaues Danzig und andere geladen waren. Für jede Ortsgruppe wurden Sammelplätze und die Fluchtwege festgelegt. Für Ostpreußen erschien niemand, dafür kam ein Brief von dem Regierungspräsidenten Dargel aus Königsberg mit der Erklärung: „Es sei nicht beabsichtigt, die Provinz Ostpreußen zu räumen“

Aber ab dem 19. Januar 1945 zog durch Elbing ein fast nicht endender Flüchtlingsstrom aus Ostpreußen, aber auch verschiedene Wehrmachtsteile waren unter den Flüchtlingen. Bereits am 16./18. Januar waren viele Ärzte, Rechtsanwälte und höhere Beamte nicht mehr zu erreichen, diese hatten sich mit ihren Familien aus dem Staub gemacht.

Die lange vorher geplanten und mit Hilfe der Elbinger Bevölkerung erstellten Verteidigungsanlagen rund um die Stadt, ausgelegt für drei Divisionen, konnten nicht genutzt werden, da man keine Truppen nach Elbing entsandte. Der Stadtkommandant musste mit dem Ersatztruppenteil „Feldherrnhalle“ auskommen, das aus einem Panzergrenadier- Bataillon, einem Panzerpionier- Bataillon, einer Panzerabteilung und einer Artillerieabteilung bestand. Die Soldaten waren meist junge, frisch eingezogene unerfahrene Männer. Die Artillerie mit verhältnismäßig vielen jungen Rekruten unter Major Becker im Südabschnitt zwischen Drausensee und Nogat als Infanterie eingesetzt. Zwei Volkssturmbatterien waren zur Verstärkung in der Gegend von Fichthorst eingesetzt. Hauptmann Binder besetzte mit einem Volkssturm- Bataillon die Autobahn. Den Abschnitt Dambitzen- Seeteich bis zur Straße Elbing- Königsberg hatte die Panzerabteilung unter ihrem Kommandeur Ritterkreuzträger Major Goll zu verteidigen. Von Groß- Bieland über die Pionier- Kaserne bis zum Elbingfluß standen das Pionierersatz- Bataillon unter Hauptmann Herzer bereit.

Der Elbinger Räumungskommissar und Kreisleiter verlangte von der Gauleitung die Räumungsstufe I, das bedeutet die Räumung der Stadt von Frauen und Kinder, das wurde strikt abgelehnt. Noch am Abend des 21. Januar war der Gaustabsleiter des Volkssturm und Chef der 1. Marine- Infanterie Division Werner Hartmann (davor ein hoch dekorierter U-Boot- Kommandant) der Meinung, es gäbe kein Grund zur Unruhe unter der Bevölkerung und in wenigen Tagen würde sich die militärische Lage grundlegend ändern. Diese Nachricht hatte er vom SS- Reichsführer Himmler, der aber hatte alle Verantwortlichen belogen und getäuscht. Er erzählte von Panzerverbänden, die gar nicht vorhanden waren. Noch am Dienstag den 22. Januar teilte Gauleiter Forster telefonisch mit, die militärische Lage habe sich stabilisiert, es bestehe keine Gefahr für Elbing und eine Räumung sei nicht notwendig.

Eine ähnliche Meldung ging auch vom Ia des Wehrmachtskommandanten Major Altermann ein. Am Nachmittag kam die Nachricht, im 20 km entfernten Pr. Holland sind die Russen einmarschiert. Am 22. Jan. wurde Major Goll mit 200 Mann zur Verstärkung der Volkssturmgruppen nach Pr. Holland geschickt, aber außer Russen war dort kein deutscher Soldat zu sehen. Es kam zu ersten Kampfhandlungen bei denen der Transportzug mit Kriegsmaterial verloren ging und Major Goll am Kopf verwundet wurde, er wurde ins Reich abtransportiert, an seine Stelle trat Hauptmann Hauser.

Zur gleichen Zeit wurde auch aus dem 8 km entfernten Pomehrendorf eine russische Panzertruppe gemeldet. Zwischen 17:00 und 18:00 Uhr rollten 8 russische Panzer durch Elbing, die im Schutze der Flüchtlings-Trecks die Stadt unerkannt erreicht hatten. Die gesamte Bevölkerung und selbst die Soldaten wurden von den Russen überrascht. Als die russischen (deutsche) Panzer in Weingarten schießend an der Kaserne der schwerenmotorisierten Artillerie vorbeirollten und auch Flüchtlinge mit ihren Fuhrwerken überrollte, trat der verantwortliche Major aus der Kaserne und verbat sich den unerhörten Lärm. Einer dieser Panzer wurde am alten Markt vor dem Kaufhaus abgeschossen und stand später auch noch während der Enttrümmerung dort.

Um ca. 22:00 Uhr wurde die Räumungsstufe III ausgegeben, das bedeutete die Gesamträumung der Stadt. Um den Bahnhof herum warteten 4 – 500 Menschen auf eine Mitfahrgelegenheit auf den Zügen. Am 23. Januar vormittags verließ der letzte fahrplanmäßige Zug Elbing in Richtung Danzig. Ab dem 25. / 26. Januar versiegte der Flüchtlingsstrom durch Elbing, die Stadt war von den Russen eingeschlossen. Am 26. Januar verlassen noch drei kleine Haffdampfer Elbing und erreichen nach Beschuss bei Bollwerk Danzig.

Am 28. ist Elbing ganz eingeschlossen, es gibt weder Gas noch Wasser, die noch vorhandenen Einwohner plündern Geschäfte und leer stehende Wohnungen. Am 24. Jan. rollen russische Panzer über Grunau Höhe an, hier werden vier Panzer durch die Flak abgeschossen, die übrigen ziehen sich zurück. (Siehe Seite „Elbing 2006/III und IV – „1945 – Kampf um Elbing bis zum Letzten“)

Aus der Gegend von Cadinen kam das Volksgrenadier- Regiment 1142 unter Major Schulz zur Verstärkung nach Elbing. Dieses Regiment wurde zwischen Marienburger- Damm und Elbingfluß eingesetzt. Weitere Unterstützung bei den Kampfhandlungen wurden von den schweren Kreuzern „Seydlitz“ und „Prinz Eugen“ mit ihren Geschützen gegeben, deren Feuer über Funk geleitet wurde.

(Anm.: es handelt sich um den schweren Kreuzer „Prinz Eugen“ und das Panzerschiff „Lützow“ ex „Deutschland“ auf dem sich auch der Elbinger Eberhard Modrau (Modersitzki) aus der Eduard Stach Straße befand. Die „Seydlitz“ kam kurz vor ihrer Fertigstellung 1942 in den Rückbau, sie sollte Flugzeugträger werden und ist nie fertig geworden. Nachdem sie im April 1945 gesunken war wurde sie gehoben und ging als Beute an die USSR.)

Am 26. Januar greift der Russe über Altfelde, Grunau und Fichthorst an und durchbricht die Hauptkampflinie.

Am 27. kommt der Russe an der Nordfront mit Panzer- Unterstützung bis zum Ziesepark, es kommt zu Straßenkämpfen auf der Kolonie.

Am 28. treffen sechs deutsche Panzer der 7. Panzer- Division aus Einlage in Elbing ein und werden zu Unterstützung der Soldaten in den Ziesepark geschickt. Durch diese Verstärkung konnte am 29. Jan. der Ziesepark und die Mudra- Kaserne zurückerobert werden.

Am 30. Jan. sind starke russische Angriffe aus südlicher Richtung zur Autobahn. Die deutschen Truppen wurden auf den Flugplatz zurückgedrängt. Die jungen, unerfahrenen Rekruten und die überalterten Volkssturmmänner waren für dieses kalte Wetter nur unzureichend mit Winterkleidung ausgestattet, sie waren seit sieben Tagen ununterbrochen in ihren mangelhaft ausgebauten Unterständen im Kampf.

Am 30. Jan. erreichte die Panzer- Division mit Schwertträger Generalleutnant Maus von Einlage kommend Elbing und durchbrach den Belagerungsring an der Autobahn, wurde aber bei Stoboy- Pomehrendorf mit starken russischen Truppen in Kämpfe verwickelt. In den nächsten Tagen war General Maus mit seiner 7. Panzerdivision in der Elbinger Niederung (Ellerwald 3. bis 5. Trift) in schwere verlustreiche Kämpfe mit den Russen verwickelt.

Am 2. Februar erlebte Elbing seinen ersten Fliegerangriff mit Bomben und Bordwaffenbeschuß, der sich in den nächsten Tagen wiederholte. Das Stadtbild änderte sich, Häuser stürzten ein und brannten aus, in den Straßen lagen tote Pferde und Menschen. Ein schwerer Angriff erfolgte von Grunau- Höhe und drückte Hauptmann Binder bis zum Flugplatz zurück.

Am 3. Febr. drang der Russe vom Westen bis zum Marienburger Damm vor, es gab erbitterte Hauskämpfe. Die Russen hatten die Elbinger Brücken zum Ziel, um den deutschen den Rückzug durch die Niederung abzuschneiden. Die Eisenbahn- und die Autobahnbrücke sowie das Proviantamt fielen in Feindes Hand.

Der Sonntag (4. Febr.) verlief ruhig, die Russen hatten die alkoholischen Bestände im Proviantamt geplündert und schliefen wohl ihren Rausch aus. An diesem Tag sprengten deutsche Truppen  den Schichau- Schuppen mit wertvollem Material und Unterlagen für den Torpedobootsbau in die Luft. Bis zum 9. Febr. wurde das Werftgelände von einem beherzten Leutnant und seinen Männern gehalten.

Ab dem 5. Febr. kamen auch mehrmals deutsche Stukas und sorgten für eine Entlastung. Starkes Artillerie- und Granatwerferfeuer lag auf den Stellungen bei Dambitzen und am Thumberg, es entbrannte ein starker Infanteriekampf. Auch im Vogelsanger Wald bis zur Königsberger Straße war starker Gefechtslärm zu hören. War das der letzte Ansturm? Die letzten Reserven aus der Danziger Kaserne besetzten die Ludendorff- Höhe und die Jugendherberge. Als der Gefechtslärm nachließ, stellte sich heraus, die Russen waren bei Seeteich- Dambitzen durchgebrochen und hatten die fest eingebauten Flakbatterie durch Artilleriefeuer und starken Panzerangriff niedergekämpft und platt gewalzt. Die Flak hatte bis zum letzten Augenblick geschossen und dann die Geschütze gesprengt. Die Soldaten flüchteten in die Gallwitz- Kaserne, wurden aber dahin von russischen Panzern verfolgt.

Trotz fester Einschließung war der Weg nachts bei Kraffohlsdorf über den Elbing möglich, alle Leichtverwundeten konnten auf diesem Weg über Jungfer nach Danzig abtransportiert werden. Auch Flüchtlinge aus der Stadt gelangten über diese Route nach Danzig. Natürlich gab es bei diesen Ausbruchversuchen auch immer wieder Opfer. So fand bei einem dieser Unternehmen der nach Danzig beorderte Oberstleutnant Schrock- Opitz, Kommandeur des Wehrmeldeamtes Elbing, den Tod.

Der Druck der angreifenden Russen erforderte, das die Gefechtszentrale von der Danziger Kaserne in den Luftschutzkeller des Polizeipräsidiums im Rathaus verlegt wurde. Dieser Raum hatte eine gute Betondecke und eine Telefonleitung über Danzig nach Berlin die abhörsicher war.

Das Lazarett wurde geräumt und die Schwerverwundeten wurden in die Heinrich von Plauen Schule gebracht, hier war Oberstabsarzt Schultz tätig. In den ersten Tagen waren 1900 eingeliefert worden und die Schule war bald überbelegt.

Am 6. Februar erschienen mehrere junge deutsche Soldaten der „Feldherrnhalle“, die am Vortag in Gefangenschaft geraten waren und überbrachten eine schriftlich abgefasste Aufforderung zur Übergabe von Elbing. Um 12:00 Uhr sollte auf der Elbingbrücke eine Antwort übergeben werden. Es wurde nicht darauf geantwortet, man hatte sich entschlossen bis zum letzten zu kämpfen. Am Nachmittag setzte schweres Artilleriefeuer auf die deutschen Stellungen und die Stadt ein, die ganze Stadt stand in Flammen. Es konnte nicht gelöscht werden, es gab kein Wasser. In die Stadt waren russische Scharfschützen eingesickert, einer erschoss Hauptmann Burry, einen Elbinger, an Stobbes Eck. (Dieses war der Sohn des bekannten Elbinger Rechtsanwaltes Dieter Burry, auch ein Offizier der nach dem Krieg mit 90 Jahren in Hameln starb)

Am 7. Februar verstärkte sich das Artilleriefeuer und das Rathaus erhielt schwere Treffer, der Turm stürzte ein und der Dachstuhl brannte. Die Betondecke vom Keller wurde warm aber sie hielt, der Gefechtsstand mit der Leitung nach Berlin war intakt.

Am 9. Februar kam der Befehl von Himmler: „Die Besatzung von Elbing hat die Erlaubnis sich nach Nordwesten durchzuschlagen unter Belassung eines Brückenkopfes nördlich der Stadt und Verbindung mit der 7. Panzer- Division aufzunehmen.“

Am selben Tag wurde der Entschluß gefasst, Elbing aufzugeben. Es wurden mehrere Scheingefechte durchgeführt um den Feind von den geplanten Durchbruchstelle abzulenken. Der Gefechtsstand wurde vom Präsidium in den Keller des Gymnasiums verlegt. Gegen 18:00 Uhr hatte der Feind über die Anlagen der Gärtnerei Brandt die Heinrich von Plauen Schule erobert, obwohl dieses Gebäude mit vielen Schwerverwundeten durch ein Rotes Kreuz gekennzeichnet war, kam es zu schweren Kämpfen.

Am Abend waren in der Königsberger Str. schwere Kämpfe mit russischen Panzern. Nach 22:00 Uhr versammelten sich der Stab und mehrere Truppen auf dem Gelände der Wittkowski’schen Holzfabrik, die Pioniere bauten Flöße und machten einen alten Kohlenkahn flott mit denen der offene Elbing überquert wurde. Um 5:00 Uhr waren ca. 1200 Mann der kämpfenden Truppe und 500 Verletzte übergesetzt. Es ging weiter zum vorläufigen Sammelplatz Jungfer und weiter in Richtung Danzig.Das war das Ende von Elbing !!!

Der traurige Rest von dem Kamelhaus in der Spieringstraße. Im Hintergrund die Ruine der Marienkirche. Die Ruine habe ich aus Lindenholz nachgebildet, dieses Diorama steht heute in dem Museum in Elblag.