Bericht über die End-Kämpfe um Elbing

Alfred Neubert, Hannoversch Münden, Burgstraße 15/16, den 18. August 1946

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23. Januar bis 10. Februar 1945

Die Verteidigung Elbings war voraussichtlich gedacht als eine vorgeschobene breitangelegte Sicherung der linken Flanke der Weichsellinie mit linker Anlegung an das Frische Haff, rechts angelehnt an die Verteidigungswerke von Marienburg. Die Stellung Elbings im gesamten Verteidigungssystem wurde als “Brückenkopf Elbing” bezeichnet. – Der um Elbing beabsichtigte Bogen der Verteidigungslinie war weit vorgeschoben, sollte z. B. bei Dörbeck, Rakau und die entsprechenden Entfernungen nach rechts fortgesetzt führen über Grunau-Höhe, Anschluß an den Drausensee finden und über Kerbswalde, Grunau-Niederung zum Anschluß nach Marienburg führen.

Zur Besetzung dieser Linie waren zwei Divisionen beabsichtigt, dazu die Einheiten des Volkssturmes. Die für die Luftabwehr eingebauten Flakbatterien sollten zum Erdkampf mit einbezogen werden.

Die zur Bestzung der vorgeschobenen Stellungen gedachten Volkssturmeinheiten waren genauestens eingeteilt, ihre Bewaffnung war vorhanden. Im entscheidenden Augenblick jedoch war die Bewaffnung nicht mehr greifbar, weil über sie anscheinend inzwischen anderweitig verfügt worden war. Auch ist es zu einem geregelten Einsatz des Volkssturmes überhaupt nicht gekommen. Das Moment der Überraschung hat viele der geplanten Maßnahmen nicht zur Durchführung kommen lassen. Auch die Schanzarbeiten waren nicht restlos beendet. So sollten noch am 21. Januar Schanzkommandos aus der Stadt in den Raum von Grunau-Höhe gehen, jedoch fanden sie am Orte keinerlei Arbeitsgerät und hartgefrorene Erde. Es herrscht gerade in jenen Tagen starker Frost mit erheblichen Schneefällen. Letzterer steigerte sich tragischerweise gerade ab 23. Januar, so daß auf der Elbinger Höhe große Schneehöhe lag und auch die Straßen in der Niederung stark behindert waren. Zum weitaus größten Nachteil für Elbing gereichte die alsbaldige Unterbrechung der wichtigsten Vekehrsverbindungen sowohl nach Osten wie auch nach Westen. Abgesehen von den ohnehin bedrohten Chausseen nach Preußisch Holland und Stuhm wurden auch die Königsberger Chausee Bahnverbindungen nach Königsberg und Haffküste sogleich am 23. Januar unterbrochen, die Chausee- und Bahnverbindung nach Marienburg unmittelbar darauf, spätestens am 25. Januar. Kräftemäßig fehlten selbstverständlich die für eine lückenlose Besetzung der Frontlinie nötige Truppen, wozu noch kam, daß Einheiten aus Elbing – Artl. Ers. Abt. Feldherrnhalle – noch am 23. Januar abends zu anderer Verwendung nach Danzig abgezogen wurden. Begünstigend für den Angreifer aber war vor allem das Chaos, das er mit dem Vorbrechen seiner Panzerspitzen nicht nur unter der Zivilbevölkerung, sondern auch der die Hauptverbindungsstraßen ständig belastende Strom des zurückflutenden Wehrmachtstrosses hervorrief. Anstatt den Anschluß am Feinde zu behalten, suchte alles den Anschluß an die Etappe zu gewinnen, was dazu führte, daß mangels Interesse die Nachrichtenübermittung über den Stand der Kampfhandlung nur unklar erfolgte, die tatsächliche Stellung des Gegners nicht zuverlässig gemeldet wurde und Ereignisse eintreten konnten, wie sie der überraschende Durchbruch russischer Panzer auf Elbing war. Hinsichtlich der Bevölkerung war bei den hierfür zuständigen Stellen keinerlei Verantwortungsgefühl für die Anordnung einer rechtzeitigen Räumung festzustellen. So war die Verbreitung von Räumungsbefehlen innerhalb der einzelnen Stadtteile uneinheitlich und erfolgte zum Teil überhaupt nicht.

Am 23. Januar gegen 17 Uhr stießen überraschend elf russische Panzer aus Richtung   Dambitzen-Serpiener Weg auf die Stadt vor, durchfuhren unter ständigem Schießen Hindenburgstrasse, Mühlendamm, Alter Markt, Ziesestraße und richteten unter der Bevölkerung und den die Straßen füllenden Flüchtlings- und Wehrmachtsfahrzeugen größte Verwirrung und erhebliche Verluste an. 7 Panzer wurden abgeschossen, 4 konnten den Stadtausgang über Engl. Brunnen gewinnen und legten sich bei Bahnstation Groß Röbern fest. Ein am anderen Morgen einfahrender H.U.B.-Zug wurde bereits von dort beschossen und meldete die Lage. Gleichzeitig waren die russischen Kräfte von Süden nach Norden weiter durch die Elbinger Höhe vorgestoßen, hatten Truns, Rahau und Dörbeck erreicht und wahrscheinlich Anschluß an die Panzerspitze in Röbern genommen. Ebenso war die Bahn bei Güldenboden am gleichen Abend besetzt und abgeschnitten.

Am 24. Januar erfolgten Angriffe gegen die inzwischen aus den verfügbaren Kräften soweit möglich besetzten Frontabschnitte, vorerst bei Grunau-Höhe. Aus Richtung Kerbshorst stießen erste Kräfte über den zugefrorenen Elbing bei Drei Rosen über Lachenhäuser gegen das Gelände Neustädterfeld. Damit ist bereits der Frontbogen abgezeichnet, der sich um Elbing bildete. Von Röbern über Damerau, vor Seeteich, Grunau-Höhe verlief die Front zum Drausensee, Grunau-Niederung nach Marienburg. Die Linie Drausensee – Marienburg war nur dünn besetzt. An einigen Punkten – Löwenslust und Fichthorst – gelang dem Gegner ein rasches Vorstoßen zur Berliner Chausee. Am 25. Januar wurden Übersetzversuche bei Bollwerk zur Niederung gemeldet. Angriffe erfolgten insbesondere bei Freiwalde und vor Spittelhof. Die rückwärtige Verbindung über IV. Trift war noch passierbar. An diesem Abend wurde die Lichtversorgung der Stadt Elbing unterbrochen. Schäden in der Stadt waren bislang eingetreten durch Panzerschüsse und Granatwerfer- sowie Stalinorgelbeschuß. Durch benutzte Brandgranaten der letzteren wurden die ersten Großbrände hervorgerufen.

Der 26. Januar brachte Kämpfe an der Mudra-Kaserne sowie bei Kerbswalde an Drausensee. Die Quertrift glaubte man durch eine 14-cm-Batterie in Fichtenhorst, die ursprünglich vor der Sicherungslinie Drausensee/Grunau wirken sollte, ausreichend gedeckt. Jedoch ging Fichthorst überraschend schnell verloren, so auch die Batterie mit noch 600 Schuß. Durch Vorstoß entlang der Quertrift kam der Gegner am 26. Januar zur IV.Trift und konnte damit die letzte Zufuhrstrasse für Elbing abschneiden. Die Brücke in Einlage mit Seitendeckung links und rechts entlang der Nogat wurde durch ein von Elbing aus entsandtes Sicherungskommando rechtzeitig gesichert.

Der 27. Januar brachte einen Panzervorstoß Königsberger Strasse bis zur Kaserne, Pulvergrund, Äußerer  Mühlendamm. Ein Shermann-Panzer wurde am Pulvergrundweg abgeschossen, der Rest zurückgedrängt. Infantriekämpfe bei Damerau-Hommelbrücke und Bieland. Abends wurde von der Paulus-Schule aus die Mudra-Kaserne zurückgewonnen. Im Ziese-Park und Engl. Brunnen blieben noch einige russische Panzer und beunruhigten die Gegend. Am gleichen Tage Kämpfe vor Dambitzen sowie an der Autobahn- und Eisenbahnbrücke. Gegenüber anfänglichem Beschuß leichter Artillerie liegen Nachrichten über Heranziehen schwerer mot. Artl. bei Streckfuß vor.

Nach dem Abschneiden der rückwärtigen Verbindung nach Einlage hielt sich die Westfront von Eisenbahnbrücke über Schillingsbrücke Grubenhagen. Über das Eis des Elbings gelang den Russen bei gleichzeitigen Angriffen an der Autobahn Neustädterfeld zunächst eine zeitweilige Inbesitznahme der Eisenbahnbrücke und Einsickern in das Gelände des Verpflegungsamtes. Dabei ging leider eine leichte Flakbatterie – 2cm – an der Autobahnbrücke veroren. Ein Gegenstoß brachte nur vorübergehend wieder den Besitz der Eisenbahnbrücke und Halten der vorgenannten Linie. Die Entnahme von Vorräten aus dem Verpflegungsamt konnte jetzt nur noch bei Dunkelheit erfolgen – teilweise bemächtigten sich bereits die Russen der Vorräte. Unter Ausnutzung des zugefrorenen Flusses setzte der Russe auch in das Fabrikgelände Schichau – Stadtwerk – über und konnte sich hier mit leichten Kräften festsetzten.

Die 7. P.D. war von außen zur Entlastung auf Elbing angesetzt und zwar aus Richtung Einlage und Jungfer. Unter Einsatz einer Anzahl gepanzerter Fahrzeuge gelang ein Durchbruch zur Stadt – am 28. Januar – hier konnte den Fahrzeugen, die unter Betriebsstoffmangel litten, aus einem angeschossenen Brennstoffzug auf dem Roßwiesenbahnhof genügend Betriebsstoff gegeben werden – unter ständiger Feindeinwirkung – wodurch sie in die Lage kamen, überhaupt noch weiter zu operieren. Sie stießen über Tannenbergallee vor und erreichten etwa die Linie Neuendorf-Höhe. Ob der Vorstoß weiter Boden gewann, ist nicht verbürgt. Tatsache ist, daß durch diesen Durchbruch auf Elbing die Tiegenhöfer Chaussee mindestens für einen Tag wieder passierbar wurde. Es wurden vor allem die Verwundeten aus den Lazaretten herausgebracht, vor allem aus der Heinrich-von-Plauen-Schule/Kriegslazarett. – Das Hauptlazarett sowie das Städt.Krankenhaus waren bereits am 23., teilweise am 24. 1. geräumt.

Die 7. P.D. konnte die Schleuse über Tiegenhöfer Chaussee nicht länger offenhalten, sondern nur noch einen Keil auf Elbing zu aus der Niederung – Zeyersvorderkampen – Nordteil Kraffohlsdorf behaupten. Zeyer hatte der Russe besetzt. Mit diesem Kampfabschnitt war die Verbindung entgültig abgerissen.

Aus dem Kampfraum Frauenburg sickerten durch die Linie des Gegners nur vereinzelne Gruppen hindurch, so z.B. A. L. A. beritten mit einem Rest von 100 Mann, die wirklich noch Kampfkraft hatten, sonst kamen von dort nur total erschöpfte, kampfunfähige und waffenlose Männer durch.

Es häuften sich die Fälle, daß der Russe unsere Gefangenen als Parlamentäre zu den einzelnen Einheiten zurücksandten mit der Aufforderung zur Übergabe, wobei auffällig war, daß der Russe über unsere Stellung und sogar die Namen der Abschnittsführer gut unterrichtet war, was den Schluß zuläßt, daß unsere Leute bei der Gefangennahme entsprechend ausgesagt haben.

Bereits vor der Einschließung Elbings hatte die Stadt unter Beschuß stark zu leiden. Die ersten Flächenbrände versuchte die Feuerwehr zu bekämpfen. Die Ungunst des starken Frostes beeinträchtigte jede Spritzenarbeit, so daß, da auch – bei der Vielzahl der Brände – nichts mehr zu retten war, und zudem das Wasser ausblieb, noch vor der Eischließung die Evakuierung der Löschzüge nach Danzig erfolgte.

Während der Gegner vorerst Panzerspitzen mit Einsatz von Granatwerfern, Pak und Stalinorgeln mit geringeren Infanterie-Verbänden angesetzt hatte, machte es sich allmählich bemerkbar, daß die Masse der russischen Truppe nachgezogen wurde. Es beherrschten fortgesetzte Infanterie-Angriffe die Front. Dazu kam laufend Artillerie zum Einsatz gegen die Stadt. Etwa ab 3. bis 4. Februar begann die Einwirkung schwerer Artillerie, die sich, als die Besatzung sich auf den Stadtkern zurückziehen mußte – 6. Februar – zu einem systematischen Zerstörungsfeuer steigerte. [Anlage I]:

Das Festsetzen der Russen in einzelnen Stadtzugängen: Grubenhagen, Schichau-Gelände, Engl. Brunnen, Pangritz-Kolonie, Siedlung Nesseln und Vogelsang sowie Tannenbergallee, Spittelhof, also das Eindringen in bebaute Stadtteile wirkte sich sogleich nachteilig aus, als es ihnen in der ihnen besondes liegenden Kampfesweise gelang, unter Ausnutzung der Nacht, über Hinterhöfe durchzusickern und unerwartet Straßenkreuzungen unter Beschuß zu nehmen. Dieses brachte stets eine gewisse Unruhe in die eigene Truppe. In den Linien, die freie Flächen hatten, Linie Thumberg – Höhen vor Dambitzen, Grunau-Abbau bis Spittelhof sowie Flugplatz, Autobahn war die Verteidigung günstiger. Auf diesen vorgenannten Linien hielt sich die Front bis etwa 1. Februar. Die Artillerie hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch genügend Geschütze und Munition, um wirkungsvoll und teilweise sogar entscheidend die Angriffe abzustoppen. Es war anfänglich auch noch möglich, auf die in Seeteich gelagerten Munitionsbestände zurückzugreifen, dann fiel auch dieses fort, zumal auch die Transportmittel wegen Ausfall der Fahrzeuge und Brennstoffmangel beschränkt waren und ein bespannter Transport unendlich mühsam war und wenig schaffte. Die anfangs unter Bedeckung bis Seeteich geleiteten Kolonnen mußten, als die Front auf die Höhen vor Dambitzen zurückgenommen wurden, eingestellt werden. Unendliche Schwierigkeiten machte der Stellungswechsel der Geschütze. Die feststationierten Flakgeschütze gingen mangels überhaupt vorgesehenen Stellungwechsels jeweils bei Verlust der Stellung verloren, so daß die Flak den wichtigen Anteil am Erdkampf, den man ihr zugedacht hatte, nicht genügend ausfüllen konnte. Anderseits wurde versucht, aus den vorgefundenen Beständen bei Schichau-Trettinkenhof und anderwärts brauchbare Geschütze und Fahrzeuge herauszusuchen. [Ende Anlage I]

Ausgehend von der Frontlinie etwa des 1. Februar soll nun die allmähliche Abbröckelung der Verteidigungsfront dargelegt werden: Zunächst hatte sich der Gegner in Grubenhagen weiter gegen die Speicherinsel vorgeschoben, unsere Stellung bei Schillingsbrücke mußte aufgegeben werden und im Raum der Eisenbahnbrücke blieb nach Eindringen des Russen in das Verpflegungsmagazin eine dauerhafte Beunruhigung. Im Raum Flugplatz – Tannenbergallee fortgesetzte Angriffe aus Grunau-Höhe, Spittelhof. Hier ging die Linie an der Autobahn verloren. Es mußten die ersten Wohnhausblocks Tannenbergallee als neue Linie bezogen werden, ebenso der Ostrand der Eisenbahnsiedlung. Für den Frontabschnitt Dambitzen war die Rücknahme der Sicherung auf den Thumberg entscheidend, beinahe gleichzeitig mußte der Abschnitt von den Höhen vor Dambitzen unter fortgesetztem Kampf über Dambitzen hinaus zurückgenommen werden, so daß allmählich auch hier die Höhe zur Eisenbahnsiedlung – Gallwitz-Kaserne – Weingarten – Gänseberg zum Kampfgebiet wurde. Dabei war der Verlust der vor Dambitzen eingebaut gewesenen Flak-Batterie, die als eine der wenigen letzten Flak-Batterien mit gutem Erfolg im Erdkampf gewirkt hatten, besondes empfindlich. Der 3. und 4. Februar brachten schwere Kämpfe im Bereich Englischer Brunnen – Schmidtsches Gelände – Leichnamstraße und Schlieffenallee – Ungerkaserne. Auch hier ging allmälich ein Straßenzug nach dem anderen verloren. Es machte sich bereits der Munitionsmangel der Artillerie sowie der Ausfall verschiedener Batterien bemerkbar, ebenso der erhöhte Feindbeschuß auf immer enger werdendem Raume. Der zweimalige Versuch von Munitionsabwurf aus Flugzeugen brachte kaum einen Erfolg, teilweise wurden die Behälter nicht gefunden oder auf die Feindseite abgetrieben, zum Teil war Munition enthalten, die wir nicht gebrauchen konnten. Die Markierung der Abwurfplätze-Gelände Sonnenstraße – Neue Gutstraße – Grünstraße, später Friedrich-Wilhelmplatz konnte wegen der umliegenden Brände kaum erfolgen.

Während am 5. Februar die Front an der Hindenburgstraße noch auf den Höhen der Friedhöfe bis Gänseberg verlief, dringt der Gegner zunächst entlang der Straße bis Weingarten vor. Entscheidend war aber ein Unternehmen der Russen gegen die Jugendherberge für diesen Abschnitt. Der Gegner konnte sich bei Dunkelheit hier überraschend festsetzen und war trotz eigenem Artilleriebeschuß und Gegenstoß nicht aus den Beton-Luftschutzbunkern zu werfen. Von dieser Höhe beherrschte er am anderen Morgen die ganze Umgegend einschl. Inf. Kaserne. Dies führte zum Verlust der Kaserne und langsamer Stellungsrücknahme entlang der Hindenburgstraße bis Hommelbrücke. Der Gegner drängte auch nach an der Bergstraße und Blumenstraße sowie zu Annenkirche, wurde aber auf der Linie Äuß. Mühlendamm aufgehalten. Fast gleichzeitig mußten wir in der Tannenbergallee bis zum Holländer-Tor weichen. Von Roßwiesen her war der Gegner auf Getreidemarkt, Bauerei Preuß, Komnickstraße vorgedrungen. An der Elbing-Front war die ganze Speicherinsel verlorengegangen, bis auf Brückenköpfe an beiden Brücken. Die Leege-Brücke war durch Artl.Beschuß vernichtet, die Höhe-Brücke wurde gesprengt. Vom Holl.Tor entlang der Hommel, Annenplatz, Friedhöfe verlief die Front vom 7. bis 8. Februar über Grünstraße – Königsberger Straße – Wunderberg. Im direkten Schuß schoß der Russe jetzt wahrscheinlich von der Höhe Gänseberg auf alle noch stehenden größeren Häuserblocks. Der Turm der Drei-Königen-Kirche wurde völlig zum Einsturz gebracht. Mit schwerer Artillerie schoß der Gegner ohne Unterbrechung in die Stadttrümmer.

Zur gleichen Zeit haben einige Schiffsgeschütze, vor der Nehrung stehend, Ziele beschossen bei Schillingsbrücken, Dambitzen und Damerau. Auch erst- und letztmalig erfolgte zu dieser Zeit ein größerer Einsatz deutscher Stukas. Der Kampf hatte seinen tragischen Höhepunkt erreicht. Mit der Rücknahme der Frontabschnitte waren auch die eigenen schweren Waffen bis auf einzelne verloren gegangen und diese ohne Munitionsversorgung und Personalergänzung. Fahrzeuge und Gespanne für Stellungswechsel und Munitionstransport waren zerschossen oder verbrannt, die Straßen teilweise nicht mehr zu befahren. Aber es war dieses auch der Zeitpunkt, in dem man an die Besetzung neuer Stellungen nicht mehr denken konnte; denn es ging nunmehr um den Stadtkern, und um die Frage, wie lange es bis zum völligen Ende noch dauern würde. Ein Einsatz war nicht mehr zu erwarten. Die 7. P.D. war nochmals bis zum Barackenlager Schichau in Kraffohlsdorf vorgestoßen, hatte sich aber wieder zurückziehen müssen. Man hatte auch nicht den Eindruck, daß ein Ausbruch geplant und überhaupt noch möglich war. In der Nacht zum 9. Februar war der schwere Beschuß am stärksten. Straßen, die am Vortage noch annährend erhalten waren, waren morgens nicht wiederzuerkennen. Im Laufe des 9. Februar wurde die Lage an den einzelnen Straßenabriegelungen unhaltbar. Die eigenen Verluste und Munitionsmangel waren nicht mehr aufzuholen. Einige schwere wirkten nur noch vereinzelt. Der Truppe waren bis auf wenige Maschinenwaffen nur noch die Handfeuerwaffen und Panzerfäuste verblieben. Am Abend des 9. Februar hatte der Gegner unter Ausnutzung der Dunkelheit überall weiter Raum gewonnen. Am Arbeitsamt und Königsbergstraße oberhalb des Gymnasiums konnte ein Eindringen in das Stadtinnere noch verhindert werden. Aus Richtung Getreidemarkt, Holländisches Tor und Mühlendamm wurden die Verteidiger weiter zurückgedrängt. Der Kommandant, der zuletzt im Polizeipräsidium war, in das Gymnasium, doch auch hier drangen die Russen von den Hinterhöfen, Grünstraße / Sonnenstraße, vor.

Da kam der Befehl zur Zusammenziehung der restlichen Kräfte im Raum Löser & Wolf – Löserstraße. – Von hier aus sollte ein Ausbruch versucht werden. Der Gegner hatte diese Absicht nicht erkannt und auch nicht die in der Löserstraße vonstatten gehende Ansammlung der restlichen Besatzung beobachtet. Es erfolgte jedenfalls hier kein nennenswerter Beschuß.

Der Gefechtslärm in der Stadt ließ allmählich mit zunehmenden Sammeln der eigenen Truppe zum Aufbruch nach. Ecke Löserstraße/Leichnamstraße standen zur Verfügung ein erbeuteter T34 sowie ein deutscher Panzer und einige gepanzerte Transportwagen. Der Gegner hatte in der Leichnamkirche –  Schichau-Schule – eine Stellung mit Pak und MG ausgebaut und sperrte das Stadtinnere ab. Unter Feuerunterstützung der vorfahrenden Panzer, dessen Wert mehr moralischer als taktischer Art war, wurde von der Besatzung nun der Durchbruch durch die russische Linie erzwungen in Richtung Ziesestraße. In der III. Niederstraße wurde in dem Raum um Wittkowski erneut gesammelt und eine Abriegelung gebildet, um das Übersetzen über den Elbingfluß zu sichern. Jetzt war der Fluß aufgetaut, während er z. Z. der Angriffe des Gegners noch zugefroren war. Bereits in der Nacht wurden zunächst die Verwundeten übergesetzt, die, sowit sie gehend oder mit Unterstützung sich bewegen konnten, mitgeführt wurden. Die Belegung der Heinrich-von-Plauen-Schule war bereits den Gegnern in die Hände gefallen. Pioniergerät zum Uebersetzten war nicht verfügbar. Es wurde ein Prahm mit Seilzug verwendet, der etwa 100 Mann faßte. In den Morgenstunden des 10. Februar, als die Nebel sich verzogen, wurde das Übersetzten schwieriger, da nun der laufende Beschuß wieder begann, nachdem der Gegner das Unternehmen bemerkt hatte. Auf der anderen Seite des Flusses hatte der Gegner am Kraffohlsdorferweg die einzelnen Gehöfte besetzt, bildete somit hier eine neue Abriegelung. Diese mußte erneut durchstoßen werden. Das geschah an der Abzweigung der V. Trift, durch das Barackenlager Schichau hindurch. Der Gegner beschoß schwerstens sowohl von der Höhe der Mudra-Kaserne, als auch vom Silo und Ostpreußenwerk das flache Wiesengelände von Kraffohlsdorf. Leuchtsignale gaben unserer Truppe Kenntnis von der Spitze des deutschen Keiles in der Niederung. Im nördlichen Teil von Kraffohlsdorf – etwa beim Gehöft des Obsthändlers Löpp – trafen wir auf die deutsche Truppe. Damit war der Anschluß an die deutsche Front gewonnen, die Kämpfe in Elbing abgeschlossen, gleichzeitig aber auch die alte Heimatstadt aufgegeben, wobei in ihren Trümmern tausende von Einwohnern ihrem bitteren Schicksal entgegensahen.

Gegen 1 500 Mann der Elbinger Kampfgruppe erreichten auf diese Weise den Anschluß zur Danziger Truppe über Zeyerniederkampen, Jungfer und Tiegenhof. Am nächsten Tage soll noch ein kleiner Rest aus Elbing herausgekommen sein, ob dieses zutrifft und wo sie durchbrachen ist nicht zuverlässig bekannt.

Alfred Neubert

Dieser Bericht war früher unter der Adresse leo.wlp.de/misc/elbing.html zu lesen, ist aber zumindest zur Zeit nicht mehr erreichbar.