Selbst Jauche half uns nicht

Auszüge aus dem Text von Charlotte Kaufmann (used within terms of Fair Use)

Die schlimmste Zeit meines Lebens begann vor etwas mehr als 60 Jahren,genau im Januar 1945. Auch nach dieser langen Zeit sind die Narben nicht verheilt. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Dieses Schicksal teile ich mit hunderttausenden Frauen und Mädchen aus den deutschen Ostgebieten, die noch vor Kriegsende vom russischen NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten; zuständig auch für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten) verhaftet und dann zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt wurden. Dort mussten wir stellvertretend für das ganze deutsche Volk Reparationsleistungen erbringen unter unmenschlichen Bedingungen. Wir zahlten mit unserem Körper und unserer Seele für ein Verbrechen, an dem wir nicht beteiligt waren.

Bis zum heutigen Tage frage ich mich: Wo war meine Schuld? Als Hitler an die Macht kam, war ich fünf Jahre alt. Als der Krieg ausbrach, war ich zehn. Mit 16 Jahren ging ich in russische Gefangenschaft. Ist der Mensch schon schuldig, wenn er in ein bestimmtes Land hineingeboren wird, einer anderen Religion angehört oder einer anderen Rasse?

In Elbing wurde ich 1928 geboren. Zu dieser Zeit gehörte Elbing zu Ostpreußen. Ich war das vierte von fünf Kindern. Wir wohnten in einer idyllischen Gegend am Elbingfluss. Wohl behütet wuchs ich in einer harmonischen Familie auf. In unserer Heimat wurden wir in den ersten Kriegsjahren von Bombenangriffen verschont. Der erste schwere Schicksalsschlag für meine Eltern und die ganze Familie traf uns im März 1944 mit der Nachricht: mein Bruder war im Alter von 21 Jahren in Russland gefallen. Trauer lastete auf uns allen.

Die Front kam näher. Die Zeitungen waren voll mit Todesanzeigen von gefallenen Soldaten und bei Bombenangriffen getöteten Personen. Es wurde von Gräueltaten der Roten Armee berichtet, die sich im ostpreußischen Grenzgebiet ereignet hatten. Wenn wir das Radio anstellten, hörten wir Mutmach-Parolen und dazwischen meldete sich der “Mann aus dem Volke”. Er wurde aber gleich gestört. Was wir hörten war: “Zieht feste Schuhe an, der Weg nach Sibirien ist weit.” Die Furcht wuchs unter der Bevölkerung. Negativgespräche waren nicht erlaubt. Dann kam der Januar 1945. Durch Flüsterpropaganda erfuhren wir, dass die Russen kurz vor Elbing standen. Es war bei Todesstrafe verboten, den Arbeitsplatz zu verlassen.

Am 22. Januar beschlossen meine Eltern, mit der ganzen Familie auch ohne die Erlaubnis der Behörden auf die Flucht zu gehen. Wir zogen übereinander, was möglich war. Meine kleine Nichte kam in den Kinderwagen, meine behinderte Oma auf den Schlitten. Es lag hoher Schnee, und eisige Kälte machte uns zu schaffen. Am 23. Januar waren die ersten russischen Panzer schon in der Stadt. Wir zogen jeden Tag weiter; es war beschwerlich. Wir waren zwanzig Personen. In Zeyersniederkampen gaben wir auf. Über das Frische Haff wollten wir nicht, denn wir hörten, dass das Eis nicht mehr hielt und schon viele Flüchtlinge im eiskalten Wasser ertrunken oder von russischen Tieffliegern beschossen worden waren. Über Elbing sahen wir den blutroten Himmel. Der Kessel um Ostpreußen war geschlossen. Wir mussten uns unserem Schicksal ergeben. Der Kampf um Elbing hatte fast drei Wochen gedauert. Dann hatten die Russen auch uns gefunden.

Verängstigt saßen wir alle in einem Raum. Die ersten Worte hatten die Russen schon gelernt: “Uhri, dawai, dawai und Frauen mitkommen, dawai, bistra.” Wir versteckten uns dann in der letzten Ecke im Heustall, wurden aber mit Mistgabeln herausgeholt. Kein Schmutz und keine Jauche, mit der wir uns einrieben, halfen. Es fällt mir schwer, weiter über Einzelheiten zu berichten, wurde ich doch so erzogen: “Ein Mädchen sollte nur unberührt in eine Ehe gehen.” Es begann eine grausame Zeit.

WIESBADENER TAGBLATT, 2.3.2007

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